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Quelle: "Die Jäger des
Meeres: Walfänger und Robbenjäger im Nord-Atlantik," herausgegeben von der High
North Alliance, 1997. |
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Warten auf frisches Robbenfleisch
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Drei Tage ohne Jagd; drei Tage im
Haus stecken ist einfach zu lange erklärt Henning, als er seine Thermosflasche mit
dampfenden Tee füllt. Er bereitet seine erwartungsvollen Hunde auf eine langersehnte
Robbenjagd vor. Das Leben ist heutzutage einfacher, meint er, wir
können hier im Dorf Essen kaufen; wir müssen nicht warten bis ich eine Robbe erlegt
habe. Aber der Robbenfang versorgt das Dorf weiterhin mit der wichtigsten Nahrung. |
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An diesem Märzmorgen in einem ent-legenen
Dorf in Ost-Grönland weht kein Hauch eines Windes. Ein dreitägiger Sturm, der
piteraq, der mit ungeheurer Stärke von der nahegelegenen Eisdecke wehte, hat
ausgetobt. Die Fjordmündung ist nun eisfrei, und der Schimmer des offenen Wassers lockt.
Henning befestigt zwei Gewehre und ein Fernglas an seinem Schlitten, setzt sich auf ein
Rentierfell und feuert sein Hunde-gespann an. Der Kajak, der hinter dem Schlitten
hergezogen wird, kommt bei der Jagd an der Eiskante zum Einsatz.
Bera, seine Frau, sieht ihm nach bis er hinter einer Insel verschwindet. Ich freue
mich auf frisches Robbenfleisch sagt sie. Henning kommt selten mit
leeren Händen zurück. |
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Ich werde heute draußen im Sonnen-schein
arbeiten, sie lächelt, als sie ein trockenes, steifes Robbenfell von einem großen
Trockenrahmen abnimmt, den sie drinnen an einem kleinen Schiffsofen verwahrt hat. Sie holt
ihr Werkzeug für die Fellbearbeitung hervor und setzt sich auf ihren Arbeitsplatz nach
draußen. Sie bittet ihren kleinen Enkel, zwei Eimer Wasser zu holen. Die Fellbearbeitung
benötigt reichlich davon. Ich freue mich über den neuen Wassertank im Dorf,
sagt sie und erklärt, daß vor nicht allzu langer Zeit die Dorfbewohner Eis vom Gletscher
schmelzen oder Schmelz-
wasser aus den Pfützen sammeln mußten. Einfacher Zugang zu frischem Wasser war für
jeden im Dorf ein Segen. |
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Bera bearbeitet Robbenfelle |
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Um das Fell für den Verkauf vorzubereiten, muß Bera es noch einmal waschen, es
einweichen und die letzten Reste von Speck abkratzen. Das Endergebnis ist ein weiches,
weißes Fell. Die Fellbearbeitung geht hart auf die Hände, verlangt viel Erfahrung und
bringt nicht so viel wie vor dem Zusammenbruch des Marktes - alles Gründe warum viele
junge Frauen es nun ablehnen, die Frau eines Jägers zu werden. Und tatsächlich ist
heutzutage der Frauenmangel bei den Jägern in vielen grönländischen Orten ein Problem
geworden.
Ab und zu sucht Bera den Horizont nach ihrem Mann ab. Ich erwarte ihn noch nicht
zurück. sagt sie, aber ich warte immer, wenn er draußen ist. Die
Felle, an denen sie gearbeitet hat, sind nun fertig für den Verkauf, oder sie kann daraus
Fäustlinge oder festliche Stiefel machen. Ich habe keine Ahnung, wie viele Felle
ich in all´ den Jahren bearbeitet habe, sagt sie, wer zählt die schon?
Als die Sonne anfängt, über der Eisdecke unterzugehen, zeigt sie auf einen kleinen Punkt
auf dem Eis. Das ist Henning erklärt sie. Ich sehe das anhand der
Größe des Gespanns und der Richtung, aus der es kommt. Andere Jäger, die
ebenfalls an diesem Tag draußen waren, kehren auch zurück, aber Bera kann ihren Mann
selbstsicher erkennen.
Henning kehrt mit vier Robben zurück, eine hat er auf dem Eis beim Sonnen erwischt, die
drei anderen beim Schwim-men am Eisrand. Wenn ich mit meinem Stock auf das Eis
klopfe, erklärt er, dann schwimmen sie hinaus ins freie Wasser, und wenn sie
ihre Köpfe hochrecken, kann ich sie vom Kajak aus fangen. In der Dämmerung
schlachtet Bera die Robben rasch. Diesen Teil der Rippen gebe ich immer meiner
Schwester, sagt sie, und diesen Teil an Hennings Bruder. Eine große Portion
des Fangs ist mit Zwiebeln und Reis zum Kochen gebracht worden. Das werden wir heute
Abend gemeinsam mit unser Tochter und unserem Enkel essen.
Wieder ist ein Tag in einem Haushalt auf Ost-Grönland vergangen. Es wurden Robben
gefangen, Felle bearbeitet und es wurde Fleisch gegessen. Eine friedliche Stimmung geht
über die Häuser nieder, und vielleicht wird Bera eine oder zwei Geschichten erzählen. |
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Kalaalimerngit
In der Sprache der Inuit in West-Grönland wird Nahrung von Wildtieren
kalaalimerngit genannt. Dazu gehören Spezialitäten wie getrocknetes Fleisch von
Zwergwalen und Finnwalen, Mattak von Belugas (Weißwale) und Narwalen, frische
Robbenleber, gegorene Meeresvögel und frisches oder getrocknetes Fleisch von Karibus
(nordamerikanische Rentiere). Diese Gerichte unterscheiden sich von importierten
Nahrungsmitteln, die qallunaamerngit genannt wird: Nahrung des weißen Mannes.
Wal, Robbe und anderes Wild sind für die Identität der Inuit von Bedeutung und tragen zu
sozialen Systemen wie Gegenseitigkeit und Gemeinsinn bei, die
weiterhin in der heutigen Inuit-Gesellschaft wichtig sind. Der Fang und die Verarbeitung
von Wild führt die Fertigkeiten und das kulturelle Wissen der Jäger (meist Männer) und
Verarbeiter (meist Frauen) weiter, das über ungezählte Generationen entstanden ist.
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Die Walhaut, mattak, ist auf Grönland eine hochgeschätzte
Delikatesse |
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