Quelle: "Die Jäger des Meeres: Walfänger und Robbenjäger im Nord-Atlantik," herausgegeben von der High North Alliance, 1997.

 

Modern und traditionell zugleich


"...das Beobachten eines Grindadrap (Grindwalfang) auf den Färöern ist so ähnlich wie das Betrachten der Chinesischen Mauer oder des Wachwechsels der Garde vor dem Buckingham Palace, obwohl das Spektakel ein wenig blutiger ist“
(Lawrence Millman, Last places - A Journey in the North, 1990)

"Wenn sie Wale in der traditionellen Weise Töten wollen, dann ist das für uns in Ordnung, wenn sich ansonsten nichts in ihrer Lebensweise, in keiner Weise, geändert hat.“
Sean Whyte, The Whale and Dolphin Conservation Society, 1991 (7)


"Sie sagen, sie brauchen es als einen Teil ihrer Tradition, aber sie haben moderne Häuser, moderne Autos. Es ist nicht notwendig.“
Gillian Stacey, The Pilot Whale Campaign, 1994 (8)

"Ich glaube, wenn wir das Kleingedruckte in unserer neuen Ökobibel lesen, werden wir entdecken, daß die nachhaltige - und hoffentlich humane - Nutzung einer natürlichen Ressource, die in
unsere Heimatgewässer schwimmt, den eigentlichen Kern von Umweltbewußtsein darstellt.“

Brian Leith, englischer Umweltfilmer, 1991 (9)


Ólavur Sjúršaberg lebt in Leirvik, einem Dorf mit 800 Ein-wohnern auf den Färöern. Im Haupt-beruf ist er Lehrer an der Grundschule des Dorfes, aber er ist zugleich auch Schafzüchter, Fischer und Walfänger. In dem Holzverschlag neben seinem Haus hängt Lammfleisch, Fisch und Walfleisch zum Trocknen im Wind. Er holt seine Kartoffeln aus seinem eigenen Acker. Er hat ein modernes Haus und ein modernes Auto. Wenigstens alle vierzehn Tage essen er und seine Familie Walfleisch. Sie essen auch Walspeck mit getrocknetem Fisch.

Das Leben auf den Färöern ist sowohl modern als auch traditionell. Die Färinger sehen das nicht als Widerspruch. Viele Leute arbeiten tagsüber als Tischler, Bankangestellte, Busfahrer, Lehrer oder in der öffentlichen Verwaltung, halten aber auch noch Schafe, bauen ihre eigenen Kartoffeln an, fischen oder fangen Vögel, sammeln Seevogeleier und nehmen an den Walfängen teil - alles für den eigenen Haushalt. Das selbst produzierte Lammfleisch, der Fisch und das Wal-fleisch werden bevorzugt windgetrocknet gegessen, eine traditionelle Methode, um Lebensmittel für einen längeren Zeitraum haltbar zu machen.

Ólavur besitzt gemeinsam mit seiner Schwiegermutter zehn Schafe. Er schlachtet und zerteilt sie bei sich zu hause. Es gibt auf den Färöern kein Schlachthaus für Schafe. „Schlachten ist die schlimmste Arbeit, die ich kenne, aber es gibt keine Alternative“ sagt Ólavur. Wenn man seine Nahrung selbst macht, spart man viel Haushaltsgeld. „Aber es gibt dir auch große Befriedigung. Züchten oder fangen, was du selbst ißt, hält dich mit der Natur in Verbindung und macht das Leben interessant und abwechslungsreich. Es bedeutet auch viel für den Gemeinsinn in einem kleinen Ort wie Leirvik. Wir sprechen über Schafe, wir sprechen über Fischen, wir sprechen über Walfang. Das verbindet uns“.



 

 

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Die Färinger können sich mit Fleisch nicht selbst versorgen und importieren Lamm aus Neuseeland und Island und Schweine- und Rindfleisch aus Dänemark. Es ist nicht einfach, etwas anderes als Kartoffeln und Rhabarber mit einigermaßen Erfolg im färingischen Boden anzubauen, und das Klima ist hart - das ganze Jahr über naß und windig. Es gibt keine natürlichen Wälder. Der Reichtum ist das Meer.

Kurz vor Weihnachten war Ólavur mit seinem Boot beim Leinenfischen. Er zog über 750 Kilogramm Fisch an Bord. „Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen solchen guten Fang gemacht zu haben. Ich brauche für sehr lange Zeit nicht mehr rauszufahren.“ Was seine eigene Familie nicht verwerten konnte, hat er den Nachbarn im Dorf geschenkt.

 

Die Färöer sind in sieben Walfangbezirke eingeteilt. Ólavur ist der Walfangvormann (grindaformaður) in diesem Gebiet. Das bedeutet, daß er verantwortlich ist für die Organisation des Waltreibens und daß sichergestellt wird, daß das Wort - grindaboð! - die Runde macht, wenn Wale gesichtet werden, damit genug Boote zum Treiben der Wale zusammenkommen, und ausreichend Leute am Strand stehen, um zu helfen.

Die Färinger haben Grindwale gefangen, seitdem die Inseln ständig besiedelt waren: seit dem 10. Jahrhundert. Die fast vollständigen Verzeichnisse von Walfängen und Strandungen auf den Färöern, die bis 1584 zurückreichen, stellen die längste und vollständigste Statistik für die Nutzung von Wild dar, die bekannt ist. Seit 1990 beträgt der durchschnittliche jährliche Fang von Grindwalen rund 1.000 Tiere. In Verbindung mit jüngsten wissenschaftlichen Schätzungen des Vorkommens von Grindwalen im Nordatlantik, wonach die Population auf 778.000 Tiere veranschlagt wird, gibt es keinen Zweifel daran, daß dieser Fang nachhaltig ist. Geringe Anzahlen von anderen, zahlreich vertretenen Arten, wie der Weißseitendelfin, werden gelegentlich ihres Fleisches wegen gefangen.

Das Treiben und Töten von Grindwalen ist durch färingische Gesetze seit dem frühen 19. Jahrhundert geregelt, und diese wurden in den zurückliegenden Jahrzehnten mehrfach geändert, insbesondere in Hinblick auf die Tierschutzgesichtspunkte beim Walfang. Dies hat zu Verbesserungen in der Organisation und Durchführung des Waltreibens als auch zur Einführung eines Systems geführt, nachdem nur die am besten geeigneten Buchten für den Walfang freigegeben werden. Aber der grundlegende Charakter des Walfangs auf den Färöern ist im großen und ganzen geblieben, wie er immer gewesen ist.

Erstens muß gesagt werden, daß ein Walfang auf den Färöern immer unerwartet kommt. Man kann nie wissen, wann eine Schule von Grindwalen nah genug an Land auftaucht, bei den richtigen Verhältnissen von Wetter und See, um die Möglichkeit zu haben, sie an Land zu treiben. Das ist der Grund dafür, daß es in einigen Jahren nicht genug Fleisch gibt, während zu anderen Zeiten einzelne Fanggebiete für weitere Walfänge gesperrt werden, weil die Versorgung mit Fleisch und Speck ausreichend ist.

Zweitens sind beim Walfang praktisch alle Mitglieder der Gemeinschaft beteiligt, und jeder bekommt einen kostenlosen Anteil vom Fang. Die Arbeitgeber geben der Belegschaft normalerweise frei, damit sie mitmachen kann. Der Fang wird nach einem komplizierten, traditionellen Verteilungssystem abge-geben, das für jeden Walfangbezirk anders ist. Die Empfänger schneiden die ihnen zugeteilten Anteile von Fleisch und Speck direkt aus den Körpern heraus.

Drittens, der Grindwalfang ist blutig. Boote treiben die Wale an Land, wo man sie mit einem tiefen Schnitt im Nacken hinter dem Blasloch dadurch tötet, daß man die Wirbelsäule durchtrennt und damit die Blutversorgung zum Gehirn unterbricht. Das Meer wird durch das Blut hellrot gefärbt. Alle Wale, die nicht hoch genug gestrandet sind, werden mit Haken an Land gezogen, die im Speck der Wale befestigt werden.

Die vorläufigen Ergebnisse der jüngsten tiermedizinischen Überwachung der Tötungstechniken im färingischen Walfang zeigen, daß es vom ersten Messerstich bis zum Tod des Wales weniger als eine Minute dauert, wobei es nur eine Sache von wenigen Sekunden ist, bis das Tier das Bewußtsein verliert. Das bedeutet, daß die Tötungstechnik beim Grindwalfang genauso gut sind wie in jeder anderen Form der Jagd in Europa heutzutage.

Ólavur war um die siebzehn Jahre alt, als er den ersten Grindwal tötete. Jungen Männern wird dies von den älteren beigebracht, meist sind es die Väter oder andere Verwandte. „Ich bin sicher, daß niemand, der seine eigenen Tiere für Nahrungszwecke tötet, davon unberührt bleibt. Du möchtest es so schnell wie möglich und mit so wenig Leiden für das Tier wie möglich durchführen.“ Für Grindwale ist das Messer unter Berück-sichtigung der Umstände das mit Abstand beste Gerät für diese Aufgabe. Schuß-waffen kommen dafür aus Sicherheits-gründen nicht in Betracht.

„Ich kann die starken Reaktionen der Leute auf Bilder vom Walfang auf den Färöern sehr gut verstehen,“ sagt Ólavur. „Aber jedes Fleisch war einmal ein lebendes Wesen, das jemand töten mußte, damit es auf deinen Teller kommt. Es scheint, daß die Leute diese Tatsache des Lebens vergessen wollen.“


Anmerkungen:

7. Sean Whyte, Chief Executive, Whale and Dolphin Conservation Society, Fernsehinterview, zitiert nach Kate Sanderson, Grind — Ambiguity and Pressure to Conform: Faroese Whaling and the Anti-Whaling Protest, in Elephants and Whales: Resources for Whom? Hrsg. von Freeman und Kreuter (Amsterdam: Gordon and Breach Science Publishers, 1994)
8. Zitat aus dem Fersehbeitrag Animal Detectives; Pilot Whales, Carlton TV, England, 1995
9. Brian Leith, Hung Verdict, The Daily Telegraph (Aug. 3, 1991)


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