Quelle: "Die Jäger des Meeres: Walfänger und Robbenjäger im Nord-Atlantik," herausgegeben von der High North Alliance, 1997.

 

Mit dem Verbot, Geld zu Verdienen


“... Grönland ist nicht eine Museumsnation ... wir haben es geschafft, unsere ursprüngliche Kultur zu erhalten, während wir den Sprung von einer traditionellen Jägergemeinschaft zu einer Hightechgesellschaft in gerade einer Generation geschafft haben“.
Jonathan Motzfeldt, Premierminister der grönländischen Selbstverwaltung, 1997 (19)

 

 

 

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„Dieser besondere Stamm hat in den letzten 70 Jahren keine Wale gefangen. Sie haben es sicherlich einmal getan und sie haben sie gegessen, und es ist klar, in der Zwischenzeit, wie es von den meisten amerikanischen Urbevölkerungen bekannt ist, leben diese Leute weiter... . Sie sind vergleichsweise recht wohlhabend. Sie haben Einkaufsmöglichkeiten in ihren eigenen Gebieten. Es gibt keine Ernährungsgründe mehr... ! (10)

So Begründet Jim McLay, der Vertreter Neuseelands in der Walfangkommission, den Widerstand seines Landes gegen die Zuteilung einer Quote von fünf Grauwalen an die Makah-Indianer für „religiöse und Ernährungszwecke“.

McLay hat recht. Die Gesellschaft der Makah-Indianer hat sich in den 70 Jahren, seit dem sie den letzten Wal gefangen haben, verändert. Sie sind auch recht wohlhabend verglichen mit damals, obwohl 40 Prozent von ihnen weiterhin unter der Armutsgrenze leben.

 

Aber was hat das mit ihrem Wunsch, Wale zu fangen zu tun? Ist es so, daß sie ihre Rechte, natürliche Ressourcen auszunutzen, verlieren, wenn sie einigermaßen zu Wohlstand gekommen sind?

Die Makah haben Wale seit mehr als 1.500 Jahren gefangen. Ihr Recht, Wale zu fangen, ist in einem Friedensvertrag mit der amerikanischen Regierung von 1855 festgehalten. Sie wurden gezwungen, den Fang einzustellen, nachdem weiße Walfänger den Bestand dezimiert hatten. Jetzt ist der Grauwal wieder in gleicher Anzahl vorhanden wie früher. Es gibt überhaupt keinen Zweifel daran, daß ein bescheidener Fang von einigen wenigen Tieren jährlich nachhaltig sein wird. Trotzdem waren diese Argumente nicht in der Lage, die Meinung der Walfangkommission zu ändern. Die früheren Kolonialmächte haben sich auch verändert. Sie sind nicht mehr an Wal- und Robbentran interessiert und können deshalb ihre Politik auf eine Haltung aufbauen, bei der Meeressäugetieren ein Status als unberührbares Symbol zukommt, unvereinbar mit Walsteak und Robbenpelz.

Aber die selbe öffentliche Meinung hat großes Verständnis dafür, daß den Urbevölkerungen ein besonderer Status von der internationalen Gemeinschaft zuerkannt wird, aktualisiert durch das Jahrzehnt der Urbevölkerungen der Vereinten Nationen. Ziel dabei ist eine Wiedergutmachung für die Übergriffe vergangener Zeiten und die Unterstützung des Kampfes der Urbevölkerungen, um ihre Rechte wiederzuerlangen und um Ihre Identität, Wirtschaft und Kultur zu stärken.

 

 

 

In einem Versuch, die Rücksicht auf die Urbevölkerungen mit der westlichen Auffassung gegen das Töten von Walen in Übereinstimmung zu bringen, hat die Walfangkommission dafür gesorgt, daß den Urbevölkerungsgruppen Ausnahmen vom generellen Walfangverbot gewährt werden können. Aber nur unter strengen Auflagen. Zu allererst darf kein Geld im Spiel sein. Außerdem sollen Fleisch und Speck „lokal“ verzehrt werden. Außerdem muß “eine fortgesetzte traditionelle Abhängigkeit von Walfang und der Nutzung von Walen“ (11) nachgewiesen werden. Das zeichnet ein Bild von den Urbevölkerungen als Menschen, die mehr oder minder isoliert vom Rest der Welt und unberührt von der Weltwirtschaft leben.
 

Aber wie sieht es in der Wirklichkeit aus? Vertreter der Fischereiinteressen der Maoris (Urbevölkerung auf Neuseeland) sagten auf einer Konferenz über Neuseelands Walfangpolitik (1996) „Die meisten Urbevölkerungen nutzen die Wildbestände sowohl in kommerzieller Sicht als auch für den Eigenbedarf, um ihre Kulturen und Gemeinschaften zu erhalten. Solche gemischte Wirtschaftsweise (für den Eigenbedarf und den Markt) haben schon Jahrhunderte bestanden.“ (12)

Einige vertreten die Auffassung, daß die Kategorie „Walfang der Urbevölkerungen für den Eigenbedarf“ „ so etwas wie ein lebendes Walfangmuseum ist. Wir tun dies nicht!“ sagt der Staatsminister der grönländischen Selbstverwaltung, Lars Emil Johansen. (13) Grönland bekommt von der Walfangkommission Quoten in der Kategorie Subsistenzfang der Urbevölkerung zugeteilt. Trotzdem wird ein Großteil des Fleisches im Inland durch ganz gewöhnliche Kanäle vermarktet. Vakuumverpacktes Walfleisch findet man in den Kühltheken in Nuuk und es wird auch in den Geschäften in den Dörfern verkauft. „Walfänger müssen ja ihre Ausgaben für den Fang decken und sie haben, wie andere Menschen in England, den USA oder Australien, laufende Ausgaben zu bezahlen und Familien zu versorgen...“ heißt es von Seiten der grönländischen Behörden. (14) Außerdem gibt es keine andere Möglichkeit dafür zu sorgen, daß alle grönländischen Gemeinden Zugang zu Walfleisch bekommen, das einen wichtigen Beitrag für die Ernährung der Bevölkerung darstellt.

 

 

In gleicher Weise stellt der grönländische Robbenfang eine Mischung aus Eigen-bedarf und Handelsgut dar. Fleisch und Speck haben eine große Bedeutung in der Ernährung und als Futter für die Schlittenhunde, während die Felle eine Einnahmemöglichkeit darstellen. Die öffentliche Meinung im Westen und die meisten Organisationen in der „Rettet-die-Robben-Bewegung“ nehmen es hin, daß die Urbevölkerungen Robben fangen. Aber wiederum sind die Bedingungen die gleichen. Greenpeace ist zum Beispiel gegen kommerziellen Robbenfang, kann aber hinnehmen, „daß Töten der Robben vorrangig für den Eigenbedarf, d. h., daß die Familie oder Gemeinschaft das Fleisch verzehrt und den Pelz verwendet,...“(15)
 
Bis 1996 hatte die Walfangkommission alle Anfragen nach Quoten für den Eigenbedarf der Urbevölkerungen ohne besondere Diskussionen anerkannt. Im Namen der Realpolitik hat man es mit den Bedingungen nicht so genau genommen. So hat Rußland z.B. Quoten für den Fang von Grauwalen bekommen, obwohl man darüber im klaren war, daß der größte Teil des Fleisches als Fuchsfutter für die Pelzindustrie endete.

Als die Makah-Indianer in der Arena auftauchten wurde das Regelwerk abgestaubt. Die Walfanggegner waren nicht davon begeistert, daß es mehr statt weniger Walfänger geben sollte. Auch die Anfrage Rußlands nach fünf Grönland-walen für die Tschuktschen traf auf soviel Widerstand, daß sie zurückgezogen wurde. Rußland trotzte der Kommission und vergab trotzdem eine Quote von zwei Grönlandwalen. Die Tschuktschen leiden unter einem katastrophalen Nahrungs-mangel. Die Ablehnung der Quotengesuche aus Rußland und den USA auf dem Jahrestreffen der Walfangkommission 1986 enthält eine klare Verschärfung der Auslegung des Regelwerkes, was in einer Resolution des Deutschen Bundestages nach dem Treffen zum Ausdruck kam, in der gefordert wurde, daß „unter allen Umständen sichergestellt werden muß, daß Produkte vom Subsistenzwalfang nicht zu Handelsgütern oder exportiert werden.“(16)

 

 

Wird diese Verschärfung auch den grönländischen Walfang treffen können? Hier wird Neuseeland eine Schlüsselrolle spielen. Auf der einen Seite gibt es ihre „grundsätzliche Besorgnis, sicherzustellen, daß Wale nicht getötet werden“.(17) Auf der anderen Seite haben sie sich als relativ fortschrittlich gezeigt, wenn es darum geht, die Rechte der Urbevölkerungen anzuerkennen und wieder herzustellen. Der Ausgang dieses Konfliktes zwischen zwei verschiedenen Rücksichtnahmen mit Wurzeln in den Wertvorstellungen innerhalb ein und derselben Kultur sind unvorhersehbar. In ihrer Heimat haben die neuseeländischen Behörden das Recht der Maori zur kommerziellen Ausnutzung der Fischressourcen anerkannt, während sie früher daran festhielten, daß diese Fischerei nur für die Selbstversorgung sein sollte. „Aber in einem internationalen Forum (der Internationalen Walfangkommission) vertreten sie eine Einstellung, die eindeutig nicht länger haltbar ist“,(18) behaupteten die Fischereirepräsentanten der Maoris während der Anhörung über Neuseelands Walfangpolitik.

Anmerkungen:

10. Interview in YA Morning Report, Staatlicher Rundfunk in Neuseeland, 26. Juni 1996
11. G.P. Donovan, IWC and Aboriginal/Subsistence Whaling: April 1979 to July 1981 (Cambridge: IWC) (http://www.highnorth.no/de-of-ab.htm)
12. Sean Kerins (Treaty of Waitangi Fisheries Commission), The Sustainable Use of Renewable Resources: New Zealand and the IWC (Whaling seminar held by the Ministry of Foreign Affairs and Trades, Wellington, New Zealand, Dec. 18, 1996)
13. Grußwort für die Konferenz Whaling in the North Atlantic, Reykjavik, 1. März 1997 (im Druck) (http://www.highnorth.no/ad-to-th.htm)
14. Report on the whaling and sealing trades, 1994, Greenland Home Rule Directorate of Fisheries and Agriculture
15. Greenpeace International, policy document on sealing, 1983 (http://www.highnorth.no/gr-on-wh.htm)
16. High North Web News, 14. Dez. 1996 (http://www.highnorth.no)
17. Jim McLay, The IWC: Wither or Whither? (Terra Media World of Whales Exhibition Lecture Series, Auckland Museum, Aug. 21, 1996)
18. Sean Kerins (Treaty of Waitangi Fisheries Commission), The Sustainable Use of Renewable Resources: New Zealand and the IWC (Whaling seminar held by the Ministry of Foreign Affairs and Trades, Wellington, New Zealand, Dec. 18, 1996)
19. Zitiert aus Putting on a Show, ein Artikel von Mark Issit in Scanorama, Feb. 1997


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