Quelle: "Die Jäger des Meeres: Walfänger und Robbenjäger im Nord-Atlantik," herausgegeben von der High North Alliance, 1997.

 

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Jäger des Meeres


Grönland ist die Heimat von 56.000 Menschen, von denen die meisten von Inuit abstammen und sich Kalaallit nennen. Sie sind mit den Inuit im nördlichen Kanada und Alaska sowie den Tschuktschen in Sibirien verwandt. Geographisch betrachtet ist Grönland ein Teil des Amerikanischen Kontinents, Nordwest-Grönland liegt nur 26 Kilometer östlich von Kanada. Direkt westlich von Grönland, auf Baffinland, leben rund 7.000 Kanadische Inuit; weitere 10.000 Inuit leben in angrenzenden Gebieten der Kanadischen Ost-Arktis.

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Seit prähistorischer Zeit steht die Jagd von Meeressäugern im Mittelpunkt der Lebensgrundlage von vielen Grönländern und Kanadischen Inuit. Archäologische Ausgrabungen haben gezeigt, daß schon 4500 Jahre v.Chr. in dieser Region Jäger und ihre Familien für ihr Überleben hauptsächlich auf Robben und Wale angewiesen waren. Die urzeitlichen Inuit von Thule, Vorfahren der heutigen Grönländer und Kanadischen Inuit, entwickelten hochspezialisierte Geräte, darunter Kajaks und Wurfharpunen mit klappbarer Spitze, um ihre Nahrung aus dem Meer zu holen.

Inuit leben in einer sich ständig ändernden Welt, in der die Einflüsse der Welt-wirtschaft zunehmend spürbar werden. In dieser neuen Welt leben alte Inuit-Traditionen neben industrieller Fischerei, globaler Kommunikationstechnik und sich ändernden Kulturtechniken.

DIE GESCHICHTE DES INUIT-WALFANGS
Bevor die Europäer entlang der Westküste Grönlands und in der kanadische Arktis große Wale fingen, machten Inuit Jagd auf den Grönlandwal und andere Wale für Nahrung und Rohstoffe wie Walbein (Walbarten) und Knochen. Im Glauben der Inuit wurde betont, den Walen angemessenen Respekt zu erweisen, um eine sichere und erfolgreiche Jagd zu sichern.

Walprodukte waren vor der Kolonisation Teil eines blühenden und ausgedehnten Tauschhandels in ganz Westgrönland, insbesondere für Walbein. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde der Grönlandwal von den europäischen Walfängern nahezu ausgerottet, und die Einflüsse der Kolonisation untergruben den Glauben und den Walfang der Inuit gewaltig. Eine Zeitlang wurden grönländische Jäger von der Dänischen Handelsmonopolgesell-schaft angestellt, um Wale zu fangen. Der Urbevölkerungsfang von Kleinwalen und einigen Großwalen überdauerte an einigen wenigen Orten. Auch in der kanadischen Ost-Arktis beschäftigten europäische Walfänger viele Inuit bei ihren Walexpeditionen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Mit ihrer neuen Walfangausrüstung und der starken Überfischung des Grönlandwalbestandes in dieser Region wurden eine Reihe von grundlegenden Änderungen des traditionellen Walfangs der Inuit eingeführt. Als der kommerzielle Fang des Grönland-wales endete, wurde der kommerzielle Fang von den kleineren Weißwalen von Handelsgesellschaften durchgeführt, die Haut und Speck nach Europa ausführten. Diese Tätigkeit wurde bis Mitte des 20. Jahrhunderts fortgeführt.

Im der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts betrieb die Dänische Verwaltung vor Westgrönland Walfang mit einem großen Fangboot, das mit einer Harpunenkanone ausgerüstet war. Die Wale wurden zu Siedlungen geschleppt, wo die örtliche Bevölkerung als Gegenleistung für das Flensen der Tiere Fleisch und Mattak erhielten. Der Speck wurde nach Dänemark gebracht um die Kosten der Maßnahme zu decken.

DER INUIT-WALFANG HEUTE
Nach dem Zweiten Weltkrieg begannen die Grönländer selbst, Zwergwale und Finnwale von kleineren Fischerbooten mit Harpunenkanonen zu fangen. Der Walfang wird nur gelegentlich betrieben, die meiste Zeit während der Saison
werden Krabben, Fische oder andere Meeressäuger gefangen. Den Walfängern, die Harpunenkanonen benutzen, ist gesetzlich vorgeschrieben, daß sie Penthritgranaten benutzen müssen, mit denen die Tiere so schnell und schonend getötet werden können. Die Fangquote für Zwerg- und Finnwale wird von der Internationalen Walfangkommission als Subsistenzfang der Urbevölkerung festgesetzt, die grönländischen Behörden verteilen diese dann auf die verschiedenen Gemeinden.

Jäger aus Orten, die keinen Zugang zu Fischerbooten und Harpunenkanonen haben, dürfen Zwergwale von Kajaks aus mit Gewehren und Harpunen erlegen. Diese Gemeinschaftsjagden ermöglicht es der Bevölkerung in den kleinsten und entlegensten Orten Grönlands, Fleisch und Mattak von Zwergwalen zu erhalten. Weißwale, Narwale und andere kleinere Wale werden normalerweise von kleineren Fahrzeugen wie Kajaks oder von der Eis-kante aus erlegt oder mit einem Netz gefangen.

In der Kanadischen Arktis ist der Walfang inzwischen fast ausschließlich auf Belugas und Narwale beschränkt, die von kleinen Booten oder im Frühjahr von der Eiskante aus erlegt werden. Ein begrenzter Fang von Grönlandwalen ist kürzlich in der östlichen und westlichen Arktis Kanadas auf Grundlage der Vereinbarungen zu den Landansprüchen der Nunavut und Inuvialuit wiederbelebt worden. Diese Verträge sichern den Inuit-Gemeinden einen verfassungsrechtlichen Zugriff auf lokale Ressourcen und eine vollständige Beteiligung an deren Schutz und Verwaltung durch gemeinsam geleitete Gremien.

Auf ganz Grönland und in der Kanadischen Arktis ist Walfang ein örtlich betriebener Bestandteil der gemischten Wirtschaftsweise aus Selbstversorgung und der Produktion von Handelsgütern. Walfleisch ist eine wichtige Quelle für tierisches Eiweiß, und Knochen, Barten und Zähne können für die Herstellung von Geräten oder traditionellen Kunstgegen-ständen verwendet werden. Walprodukte werden innerhalb der Familien und Nachbarschaft großzügig verteilt, wodurch die Verwandschaftbeziehungen und der Gemeinsinn gestärkt werden, auf die Kultur und Glauben aufgebaut sind.

 

 

 

 

 

 

Eine erfolgreiche Fangfahrt: Ein Fischerboot aus Grönland mit einem Zwergwal längsseits

Die Handelsware auf Grönland betrifft den Verkauf von Fleisch und Mattak für die Versorgung der örtlichen Bevölkerungen. In kleineren Ortschaften können diese Produkte im Hafen gekauft werden, aber sie werden auch in ganz Grönland verteilt und verkauft. Dieser Handel bringt den Jägern Bargeld ein, das in dem modernen Wirtschaftssystem des Nordens benötigt wird. Der Verkauf von Walprodukten wird von den Regierungsbehörden geregelt und überwacht, und alle Jäger, die sich am Handel beteiligen, benötigen dafür eine Lizenz.

In der Arktis Kanadas dagegen werden Walprodukte durch weitverzweigte Familienbande verteilt. In einigen Orten verkaufen Einzelhändler Mattak, und Bemühungen, den Handel mit allen Jagdprodukten zwischen den einzelnen Siedlungen aufzunehmen, werden von der Regierung unterstützt, die auch den nationalen Handel außerhalb der Arktis überwacht.

Jüngste Bedenken über den offensichtlichen Rückgang des Bestands von Belugas in der Baffin Bai hat die grönländischen Behörden dazu veranlaßt, sowohl die Treibjagd auf die Weißwale als auch den Verkauf von Belugas von Schiffen größer als 25 Bruttoregistertonnen zu verbieten.

Die Naturverwaltungsbehörden auf Grön-land und in Kanada fördern eine effektive Verwaltung des Walfangs, indem sie dazu ermutigen, das Wissen der Urbevölkerung mit der westlichen Naturwissenschaft zu verbinden. Die Grönländische Selbstver-waltung ist ein aktiver Teilnehmer in der IWC (durch die dänische Regierung), der North Atlantic Marine Mammal Commission (NAMMCO) und, gemeinsam mit Kanada, in einer Kanadisch-Grönländischen Kommission für den Schutz und die Verwaltung von Belugas und Narwalen. Kanada hat sowohl in der IWC als auch der NAMMCO Beobachter-status und trägt zur wissenschaftlichen Arbeit in beiden Organisationen bei.

Robbenfang der Inuit
Grönländer und Kanadische Inuit nutzen fünf Robbenarten: Ringelrobben, Sattel-robben, Klappmützen, Bartrobben und Seehunde. Ringelrobben und Sattelrobben stellen bei weitem den größten Teil der heutigen Fänge auf Grönland dar, während Ringelrobben und Bartrobben die hauptsächliche Beute in Kanada ausmachen.

Der Robbenfang stand schon immer im Mittelpunkt des Inuit-Lebens. Bis in das frühe 20. Jahrhundert haben Inuit-Familien gemeinsam ihre Boote aus Häuten beladen, die geschützten Fjorde verlassen und Kurs auf bevorzugte Fang-plätze genommen. Im Sommer konnten sie im offenen Meer jagen, während sie in der dunklen Jahreszeit geduldig warten mußten, manchmal für Stunden, um eine Robbe an ihrem Atemloch im Eis zu harpunieren. Oder wenn es die Eisver-hältnisse erlaubten, pirschten sie sich, hinter einem kleinen Schild versteckt, an ihre Beute heran. Eine erfolgreiche Jagd unter solchen Bedingungen erfordert eine außergewöhnliche Vorbereitung, Erfahrung und Geduld. Die Frauen der Jäger konnten die Robben verarbeiten und nutzten Fleisch, Speck und Fell für viele Zwecke - von Nahrung und Kleidung bis zur Beleuchtung und Beheizung. Die Erzeugnisse aus der Jagd wurden innerhalb der Gemeinschaft weit verteilt.

Die Jagd hat sich heute nur wenig ge-ändert. Obwohl die Harpunen nun durch moderne Technik in Form von Gewehren und Funkgeräten ergänzt wurde, sind Erfahrung, Geduld und detailliertes Wissen weiterhin lebensnotwendig für den Erfolg der Jagd. Im Sommer werden die Robben gewöhnlich von kleinen Booten wie Kajaks aus geschossen, während sie in der dunklen Jahreszeit in offenen Fahrrinnen oder an Atemlöchern erlegt werden, oder indem man Netze unter dem Eis spannt. In Süd-Grönland findet die Robbenjagd meist in Verbindung mit dem Berufsfischfang statt, während im Norden und Osten Grönlands, und in vielen Orten der östlichen Kanadischen Arktis, der Robbenfang sich zu einer wichtigen Ganzjahresbe-schäftigung entwickelt hat.

Robbenfleisch ist ein Grundnahrungs-mittel. In der grönländischen und kanadischen Inuit-Sprache bedeutet das Wort für Fleisch (neqi) immer Robben-fleisch, es sei denn, ein anderes Tier wird genannt. Das Fleisch wird roh, gekocht, getrocknet oder gefroren gegessen, und auch der Speck, der Tran und die inneren Organe werden weitgehend verzehrt. Die Robbenfelle werden für die Winterkleidung genutzt oder an die Great Greenland AG (der regierungs-eigenen Gerberei in Qaqortoq), an lokale Pelznähereien oder wie in Kanada an örtliche Handelsgenossenschaften oder Händler verkauft.

Der Verkauf von Robbenfellen ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in den heutigen grönländischen Ortschaften, der den Jägern Geld für Treibstoff, Jagdgerät und eine Vielzahl importierter Lebensmittel und anderer Dinge bringt. Selbst in Orten, deren Wirtschaft durch die Fischerei bestimmt wird, ist der Verkauf von Robbenfellen eine wichtige Ergänzung zum Familieneinkommen, insbesondere im Winter oder wenn die Fischquoten ausgeschöpft wurden.

Die Gerberei Great Greenland zahlt für Felle der höchsten Qualität bis zu 475 dänische Kronen (rund 125 Mark). Daraus werden Mäntel, Jacken und Westen für eine Kollektion hergestellt, die sowohl modisch als auch funktional ist. Sowohl der an die Jäger bezahlte Fellpreis als auch die Herstellung der Kleidung wurden von der Grönländischen Selbstverwaltung erheblich subventioniert, um den Schaden zu ersetzen, der von den Anti-Robbenfang-Kampagnen in den 70er und 80er Jahren ausging, die, ohne gegen die Inuit gerichtet zu sein, die internationalen Absatzmärkte für alle Robbenprodukte verwüsteten.

So wichtig Robbenprodukte für die Ernährung und Wirtschaft sind, so wichtig ist der Robbenfang für viele Bereiche der Inuit-Kultur. Dies wird durch den reichen Wortschatz für die verschiedenen Arten, Unterarten und Eigenheiten der Robben widergespiegelt. Der Robbenfang bildet den Rahmen, in dem das Bild von den alten Jagdtraditionen der Inuit, verbunden mit dem dazuge-hörigen ökologischen Wissen, am besten zum Ausdruck gebracht und über die Generationen weitergegeben wird.

Die Grönländische Selbstverwaltung ist derzeit darum bemüht, Exportmärkte für Robbenfleisch in China und Japan aufzubauen, und im Zuge des wachsenden Tourismus in der Arktis können handgemachte Robbenprodukte eine beachtliche Einnahmequelle darstellen und zugleich einheimische Kunst und Handwerk am Leben erhalten. Um diese Ziele zu erreichen, ist es erforderlich, daß Menschen außerhalb des Hohen Nordens die weiterhin hohe Bedeutung lebender mariner Ressourcen als Grundlage für diese Volkswirtschaften und Kulturen erkennen und verstehen, heute und auch in Zukunft. Da Meeressäugetiere einen vorherrschenden Anteil am Ökosystem der arktischen See haben, muß jede auf die rationale Verwendung örtlicher Rohstoffe basierende Entwicklung zwangsläufig die Nutzung von marinen Säugern einbeziehen.


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