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Für die Wissenschaftler bleibt noch zu
analysieren, welche Einwirkung der Konsum der Meeressäuger auf die Fischereien hat, und
auf der anderen Seite, was die Fischereien für die Entwicklung der Meeressäugerbestände
bedeuten. Das kann eine sehr komplizierte Berechnung mit vielen Unsicherheitsfaktoren
sein. (Siehe unten: Die Robben bedienen sich - die Fischer müssen an Land
bleiben).
In einzelnen Ländern wie in den USA ist man bei der Erfassung der Meeressäuger, die von
den Fischereien als unerwünschter Beifang eingeholt werden, sehr weit gekommen. Andere
Länder befinden sich erst am Anfang solcher Untersuchungen. Es wird auch intensiv daran
geforscht, welche Maßnahmen getroffen werden können, um solche Beifänge zu verhindern.
Das Wissen über die Größe und die Vermehrungsrate der verschiedenen
Meeressäugerbestände sind notwendig, um festlegen zu können, ob der Beifang eine
drohende Dezimierung darstellt.
Aber die Gerätschaften der Fischer sind nicht nur eine Gefahr für die Meeressäuger. Sie
können es ihnen auch sehr leicht machen, an Futter heranzukommen. Robben und Wale
bedienen sich von den Fischen aus den Fanggeräten der Fischer. An einigen Orten ist dies
ein so großes Problem, daß die Fischerei sich nicht mehr lohnt.
Die Fischindustrie erleidet jedes Jahr hohe Verluste durch Fischparasiten, die sich in der
Muskulatur der Fische eingekapselt haben. Für diese Würmer ist ein Aufenthalt im
Verdauungssystem von Meeressäugern ein notwendiger Schritt in ihrem Lebenszyklus. In den
Filetierbetrieben wird Fischfleisch mit Parasiten weggeschnitten. In einzelnen
Küstengebieten mit vielen Robben gibt es so viele Parasiten, daß die Fischindustrie es
ablehnt, den Fisch abzunehmen. Welche Maßnahmen die Verwalter ergreifen werden, die nach
und nach über die Interaktion zwischen Fischereien und Meeressäugern auf den Tisch
kommen, wird davon abhängig sein, welche Ziele von politischer Seite der Verwaltung
gesteckt worden sind. Die Gesetzgebung der USA bevorzugt die Meeressäugetiere. Dort
betrachtet man erst deren Nahrungsbedarf, danach verkündet man, welche Quoten die Fischer
bekommen können. In Norwegen wird der Robbenfang durch Subventionen aufrecht-zuerhalten,
um eine Möglichkeit zu haben, um den Robbenbestand aus Rücksicht auf die Fischereien
kontrollieren zu können.
Die Grundvoraussetzung der Verwalter-tätigkeit eines jeden Landes ist die Pflicht, große
und gesunde Bestände von allen Arten im marinen Ökosystem aufrecht zu erhalten. Diese
Pflicht verbietet den kanadischen Behörden allerdings nicht, zu beschließen, ob es nun
fünf Millionen oder drei Millionen Sattelrobben vor der Küste von Neufundland geben
soll.
Die Robben bedienen sich - die Fischer sitzen auf dem Trockenen
In Neufundland wird das Verbot des Dorschfanges streng gehandhabt. Fünfzehn Dorsche sind
ausreichend gewesen, um Fischern das Boot wegzunehmen und sie zusätzlich zu hohen
Bußgeldern zu verurteilen. Gleichzeitig bedienten sich 4,5 Millionen Sattelrobben 1994
mit ungefähr 140.000 Tonnen aus dem selben Dorschbestand.(45) Das
entspricht zwei Billionen Dorsche.
Die Robben haben es in keiner Weise zu verantworten, daß der Dorschbestand vor
Neufundland heutzutage stark dezimiert ist. Dafür müssen Fischer und Behörden, sowohl
aus Kanada und Europa, die Verantwortung übernehmen. Diejenigen, die unter der
fehlgeschlagenen Fischereipolitik vor allen anderen zu leiden haben, ist die Bevölkerung
auf Neufundland. Eine enorme Arbeitslosigkeit und soziales Elend folgten im Kielwasser des
kollabierten Dorschbestandes.
Trotz dieser Schutzmaßnahmen läßt das Wachstum des Dorschbestandes auf sich warten. Die
Frage ist, ob die Sattelrobbe - in dieser extremen Situation, in der der Dorschbestand auf
einem Minimum ist - dazu beiträgt, daß der Dorschbestand sich nicht wieder erholt.
Der Bestand an Sattelrobben hat sich innerhalb von fünfzehn Jahren mehr als verdoppelt.
Da Dorsch nur einen kleinen Teil der nahrung von Sattelrobben ausmacht, können die Robben
behaglich von einem Hauptgericht aus anderen Arten leben und weiterhin Dorsch als Dessert
fressen. Von Organisationen, die sich dem Robbenfang widersetzen, wird Zweifel angemeldet,
ob die Robben wirklich eine negative Auswirkung auf die Dorschfischerei haben. Es wurde
auch vorgeschlagen, daß die Robben Fisch fressen, der wiederum Dorsche frißt - und der
Art auch einen positiven Effekt auf den Dorschbestand ausüben. Es gibt keine Hinweise
darauf, daß diese Hypothese richtig ist. Es ist bislang nicht möglich gewesen, einen
Dorsch fressenden Fisch auszumachen, der in solchen Mengen von Robben gefressen wird, daß
dies den Dorschkonsum der Robben aufwägen könnte. Es wird auch vorgeschlagen, daß
Dorsche, die dem Maul der Robben entgehen, nicht unbedingt im Netz der Fischer landen,
sondern genauso gut im Magen eines Raubfisches. Dies ist allerdings wenig wahrscheinlich,
da die Robben sich von größeren Dorschen ernähren als andere Dorschräuber, d. h.
Dorsch, der ein bis zwei Jahre alt und zehn bis zwanzig Zentimeter lang ist.
Forschungen, die hoffentlich eine Basis für Rückschlüsse bezüglich der Bedeutung der
Sattelrobben auf das Wachstum der Dorschbestände sind, sind in Arbeit. In erster Linie
fehlt es an Informationen über die Verteilung und Vorkommen von Dorschen bis zum Alter
von zwei Jahren und welche Räuber Dorsche in dieser Größe fressen. In Erwartung dieser
Abklärung haben kanadische Behörden den Robbenfang in einem solchen Umfang erhöht, daß
er den Zuwachs im Robbenbestand bremsen wird.
In der Beringstraße gibt es einen ähnlichen Konflikt, aber mit entgegengesetzten
Vorzeichen. Hier ist der Bestand von Stellerschen Seelöwen in den vergangenen Jahren
stark zurückgegangen. Greenpeace behauptet, dies sei darauf zurückzuführen, daß der
kommerzielle Fischfang den Seelöwen das Futter wegnimmt. Amerikanische Fischereibehörden
ihrerseits behaupten, Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis, daß Fischen die
Ursache für den Rückgang der Stellerschen Seelöwen ist.
Die Haltung einiger Umweltorganisationen zu Fischerei und Meeressäugetieren kann
inkonsistent wirken. Sie betonen, daß die Fischereien mit den Meeressäugetieren um den
Fisch konkurrieren, verneinen aber gleichzeitig, daß die Meeressäuger eine Konkurrenz zu
den Fischereien darstellen.
Eine einfachere Betrachtungsweise
Die verschiedenen Arten im marinen Ökosystem fressen einander ihre gegenseitige Beute und
ihre gegenseitigen Feinde - kreuz und quer. Es ist deshalb schwierig festzulegen, welche
Rolle die Meeressäuger in diesem komplexen System spielen und welche Auswirkungen es für
den Fisch - und die Fischereien - haben wird, wenn die Zahl der Meeressäuger zunimmt oder
abnimmt.
Aber es gibt eine einfachere Betrachtungsweise. Die Primärproduktion durch Fotosynthese
in Form von Plankton ist der limitierende Faktor für die Größe der Biomasse weiter oben
in der Nahrungspyramide. Für jedes Glied in der Nahrungskette gehen ungefähr neunzig
Prozent der Energie verloren. Vor diesem Hintergrund kann man berechnen, auf welchen
Anteil der Primärproduktion auf den verschiedenen Ebenen der Nahrungspyramide die
Meeressäuger Beschlag legen. Dieser Anteil wird selbstverständlich mit der
Bestandsgröße variieren. Wenn wir uns dafür entscheiden, große Bestände an
Meeressäugetieren zu erhalten und uns gleichzeitig dafür entscheiden, aus diesen
Beständen nicht zu ernten, würde es ein ganzes Segment des Energiestromes durch die
Nahrungskette sein, das für die Fischereien unzugänglich wäre. Eine solche
Nutzungsweise würde mit anderen Worten die mögliche nachhaltige Nutzung aus den marinen
Ökosystemen reduzieren.
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