Quelle: "Die Jäger des Meeres: Walfänger und Robbenjäger im Nord-Atlantik," herausgegeben von der High North Alliance, 1997.

 

Des einen Brot, des anderen Tod?


Das Verhältnis zwischen Meeressäugetieren und Fischern ist konfliktgeladen. Beide stellen dem Fisch nach. Oft ist es derselbe Fisch. Die Meeressäuger verfangen sich in den Netzen der Fischer und ertrinken. Die Meeressäuger sind Wirte für Parasiten, die im Fleisch der Fische enden und der Fischwirtschaft große Verluste zuführen. Die Fischer verlangen eine Reduktion der Meeressäugerbestände oder eine Erstattung der Verluste, während Umweltorganisationen eine Regulierung der Fischereien verlangen, damit die Meeressäuger mehr zu Fressen haben oder um zu verhindern, daß sie in den Gerätschaften der Fischer sterben.

 

 

 

 

 

Durch Anklicken wird das Photo größer

Es ist die Aufgabe der Verwalter, zu diesen gegensätzlichen Forderungen Stellung zu beziehen. Ihr Hauptproblem ist der Mangel an Information.

Erst in den letzten Jahren hat die Forschung damit begonnen, gute Antworten darauf zu geben, was und wieviel die Meeressäugetiere fressen. Die Antworten schwanken stark für die verschiedenen Meeresgebiete. Auf dem Kontinentalsockel an der Westküste der Vereinigten Staaten nehmen sich die Meeres-säuger ungefähr doppelt so viel Fisch wie die Fischer, während sie in der Nordsee nur eine wenige Prozent dessen nehmen, was die Fischereien hochziehen. Aber im ganzen nördlichen Teil des Nordatlantiks ist der Fischkonsum der Meeressäugetiere allgemein in der selben Größenordnung wie der Fang der Fischereien.

 

Für die Wissenschaftler bleibt noch zu analysieren, welche Einwirkung der Konsum der Meeressäuger auf die Fischereien hat, und auf der anderen Seite, was die Fischereien für die Entwicklung der Meeressäugerbestände bedeuten. Das kann eine sehr komplizierte Berechnung mit vielen Unsicherheitsfaktoren sein. (Siehe unten: „Die Robben bedienen sich - die Fischer müssen an Land bleiben“).

In einzelnen Ländern wie in den USA ist man bei der Erfassung der Meeressäuger, die von den Fischereien als unerwünschter Beifang eingeholt werden, sehr weit gekommen. Andere Länder befinden sich erst am Anfang solcher Untersuchungen. Es wird auch intensiv daran geforscht, welche Maßnahmen getroffen werden können, um solche Beifänge zu verhindern. Das Wissen über die Größe und die Vermehrungsrate der verschiedenen Meeressäugerbestände sind notwendig, um festlegen zu können, ob der Beifang eine drohende Dezimierung darstellt.

Aber die Gerätschaften der Fischer sind nicht nur eine Gefahr für die Meeressäuger. Sie können es ihnen auch sehr leicht machen, an Futter heranzukommen. Robben und Wale bedienen sich von den Fischen aus den Fanggeräten der Fischer. An einigen Orten ist dies ein so großes Problem, daß die Fischerei sich nicht mehr lohnt.

Die Fischindustrie erleidet jedes Jahr hohe Verluste durch Fischparasiten, die sich in der Muskulatur der Fische eingekapselt haben. Für diese Würmer ist ein Aufenthalt im Verdauungssystem von Meeressäugern ein notwendiger Schritt in ihrem Lebenszyklus. In den Filetierbetrieben wird Fischfleisch mit Parasiten weggeschnitten. In einzelnen Küstengebieten mit vielen Robben gibt es so viele Parasiten, daß die Fischindustrie es ablehnt, den Fisch abzunehmen. Welche Maßnahmen die Verwalter ergreifen werden, die nach und nach über die Interaktion zwischen Fischereien und Meeressäugern auf den Tisch kommen, wird davon abhängig sein, welche Ziele von politischer Seite der Verwaltung gesteckt worden sind. Die Gesetzgebung der USA bevorzugt die Meeressäugetiere. Dort betrachtet man erst deren Nahrungsbedarf, danach verkündet man, welche Quoten die Fischer bekommen können. In Norwegen wird der Robbenfang durch Subventionen aufrecht-zuerhalten, um eine Möglichkeit zu haben, um den Robbenbestand aus Rücksicht auf die Fischereien kontrollieren zu können.

Die Grundvoraussetzung der Verwalter-tätigkeit eines jeden Landes ist die Pflicht, große und gesunde Bestände von allen Arten im marinen Ökosystem aufrecht zu erhalten. Diese Pflicht verbietet den kanadischen Behörden allerdings nicht, zu beschließen, ob es nun fünf Millionen oder drei Millionen Sattelrobben vor der Küste von Neufundland geben soll.

Die Robben bedienen sich - die Fischer sitzen auf dem Trockenen
In Neufundland wird das Verbot des Dorschfanges streng gehandhabt. Fünfzehn Dorsche sind ausreichend gewesen, um Fischern das Boot wegzunehmen und sie zusätzlich zu hohen Bußgeldern zu verurteilen. Gleichzeitig bedienten sich 4,5 Millionen Sattelrobben 1994 mit ungefähr 140.000 Tonnen aus dem selben Dorschbestand.(45) Das entspricht zwei Billionen Dorsche.

Die Robben haben es in keiner Weise zu verantworten, daß der Dorschbestand vor Neufundland heutzutage stark dezimiert ist. Dafür müssen Fischer und Behörden, sowohl aus Kanada und Europa, die Verantwortung übernehmen. Diejenigen, die unter der fehlgeschlagenen Fischereipolitik vor allen anderen zu leiden haben, ist die Bevölkerung auf Neufundland. Eine enorme Arbeitslosigkeit und soziales Elend folgten im Kielwasser des kollabierten Dorschbestandes.

Trotz dieser Schutzmaßnahmen läßt das Wachstum des Dorschbestandes auf sich warten. Die Frage ist, ob die Sattelrobbe - in dieser extremen Situation, in der der Dorschbestand auf einem Minimum ist - dazu beiträgt, daß der Dorschbestand sich nicht wieder erholt.

Der Bestand an Sattelrobben hat sich innerhalb von fünfzehn Jahren mehr als verdoppelt. Da Dorsch nur einen kleinen Teil der nahrung von Sattelrobben ausmacht, können die Robben behaglich von einem Hauptgericht aus anderen Arten leben und weiterhin Dorsch als Dessert fressen. Von Organisationen, die sich dem Robbenfang widersetzen, wird Zweifel angemeldet, ob die Robben wirklich eine negative Auswirkung auf die Dorschfischerei haben. Es wurde auch vorgeschlagen, daß die Robben Fisch fressen, der wiederum Dorsche frißt - und der Art auch einen positiven Effekt auf den Dorschbestand ausüben. Es gibt keine Hinweise darauf, daß diese Hypothese richtig ist. Es ist bislang nicht möglich gewesen, einen Dorsch fressenden Fisch auszumachen, der in solchen Mengen von Robben gefressen wird, daß dies den Dorschkonsum der Robben aufwägen könnte. Es wird auch vorgeschlagen, daß Dorsche, die dem Maul der Robben entgehen, nicht unbedingt im Netz der Fischer landen, sondern genauso gut im Magen eines Raubfisches. Dies ist allerdings wenig wahrscheinlich, da die Robben sich von größeren Dorschen ernähren als andere Dorschräuber, d. h. Dorsch, der ein bis zwei Jahre alt und zehn bis zwanzig Zentimeter lang ist.

Forschungen, die hoffentlich eine Basis für Rückschlüsse bezüglich der Bedeutung der Sattelrobben auf das Wachstum der Dorschbestände sind, sind in Arbeit. In erster Linie fehlt es an Informationen über die Verteilung und Vorkommen von Dorschen bis zum Alter von zwei Jahren und welche Räuber Dorsche in dieser Größe fressen. In Erwartung dieser Abklärung haben kanadische Behörden den Robbenfang in einem solchen Umfang erhöht, daß er den Zuwachs im Robbenbestand bremsen wird.

In der Beringstraße gibt es einen ähnlichen Konflikt, aber mit entgegengesetzten Vorzeichen. Hier ist der Bestand von Stellerschen Seelöwen in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen. Greenpeace behauptet, dies sei darauf zurückzuführen, daß der kommerzielle Fischfang den Seelöwen das Futter wegnimmt. Amerikanische Fischereibehörden ihrerseits behaupten, „Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis, daß Fischen die Ursache für den Rückgang der Stellerschen Seelöwen ist“.

Die Haltung einiger Umweltorganisationen zu Fischerei und Meeressäugetieren kann inkonsistent wirken. Sie betonen, daß die Fischereien mit den Meeressäugetieren um den Fisch konkurrieren, verneinen aber gleichzeitig, daß die Meeressäuger eine Konkurrenz zu den Fischereien darstellen.

Eine einfachere Betrachtungsweise
Die verschiedenen Arten im marinen Ökosystem fressen einander ihre gegenseitige Beute und ihre gegenseitigen Feinde - kreuz und quer. Es ist deshalb schwierig festzulegen, welche Rolle die Meeressäuger in diesem komplexen System spielen und welche Auswirkungen es für den Fisch - und die Fischereien - haben wird, wenn die Zahl der Meeressäuger zunimmt oder abnimmt.

Aber es gibt eine einfachere Betrachtungsweise. Die Primärproduktion durch Fotosynthese in Form von Plankton ist der limitierende Faktor für die Größe der Biomasse weiter oben in der Nahrungspyramide. Für jedes Glied in der Nahrungskette gehen ungefähr neunzig Prozent der Energie verloren. Vor diesem Hintergrund kann man berechnen, auf welchen Anteil der Primärproduktion auf den verschiedenen Ebenen der Nahrungspyramide die Meeressäuger Beschlag legen. Dieser Anteil wird selbstverständlich mit der Bestandsgröße variieren. Wenn wir uns dafür entscheiden, große Bestände an Meeressäugetieren zu erhalten und uns gleichzeitig dafür entscheiden, aus diesen Beständen nicht zu ernten, würde es ein ganzes Segment des Energiestromes durch die Nahrungskette sein, das für die Fischereien unzugänglich wäre. Eine solche Nutzungsweise würde mit anderen Worten die mögliche nachhaltige Nutzung aus den marinen Ökosystemen reduzieren.

 

Norwegische Wissenschaftler wiegen einen Dorsch, der im Magen eines Zwergwales gefunden wurde


Anmerkungen:

45. Die Zahlen stammen aus folgendem Bericht: Report on the Status of Harp Seals in the Northwest Atlantic, Science Branch, Northwest Atlantic Fisheries Centre (St. Johns, Newfoundland, 1995)


Zurück zum Inhaltsverzeichnis von „Die Jäger des Meeres"

Zurück zur homepage „deutsch"

Zurück zur homepage „englisch"