Quelle: "Die Jäger des Meeres: Walfänger und Robbenjäger im Nord-Atlantik," herausgegeben von der High North Alliance, 1997.

 

Ein zeitloser Rhythmus überdauert


In einer weit abgelegen Gegend der Neuen Welt, auf einer felsigen Insel am östlichen Rand des Kontinentalschelfs lebt eine Tradition der ersten europäischen Siedler dieser Gegend weiter. Hier in Neufundland haben Robbenfänger die groß angelegte Jagd auf Robben wieder aufgenommen. Nach wechselhaften Jahrzehnten mit internationalen Kontroversen gehen fast 10.000 lizensierte Robbenfänger wieder ihrem Gewerbe nach, 8.400 kommen aus Neufundland, die restlichen aus Labrador und dem St. Lawrence-Golf.

Heute macht der Robbenfang einen bedeutenden Teil des Einkommens im wirtschaftlich niedergeschlagenen ländlichen Raum Neufundlands aus. Die Einnahmen betrugen 1996 11 Millionen Dollar. Robbenprodukte wurden nach Angaben der kanadischen Regierung in Asien, Norwegen und in Kanada verkauft. Aber Robbenfang bedeutet mehr als nur Kommerz. Es ist Tradition, eine lebende Verbindung zur Vergangenheit.

Anfang des 18. Jahrhunderts zog es die männliche Landbevölkerung aus Neufund-land jedes Jahr in die Hauptstadt nach St. John´s, um auf Robbenkuttern anzuheuern. Diese Männer ertrugen schlimme Entbehrungen und niedrige Löhne auf den Fahrten an die „Front“, einem weitreichenden Treibeisgürtel, der sich jährlich in den trügerischen Fahrwassern vor der Küste bildet. Die Boote waren eng und schmutzig. Der einzige freie Raum war auf dem Eis, wo die Männern mit ihren Keulen zwischen den Robbenjungen schlitterten und ihren Anteil an der Beute nahmen.

Um 1848 gab es fast 350 Robbenfang-schiffe und die Jahresbeute ging auf die 500.000 Pelze zu. Die alten Segelschiffe machten erst modernen Dampfern Platz, dann schweren Schiffen mit Stahlrümpfen. Die Weltkriege brachten dem Fang kurze Pausen, der nach dem II. Weltkrieg moderne Formen annahm.

Neue Jäger mit kleinen Booten, die „landsmen“, nahmen in Schnellbooten mit Außenbordmotor die Verfolgung der Robben auf. Und die gleichzeitige Modernisierung der Fischereiflotte führte dazu, daß viele mittelgroße Kutter, sogenannte „longliners“, lohnende Fahrten an die „Front“ unternehmen konnten. Diese Kutter, viele in der 50-Fuß-Klasse, sind heute üblich; die meisten sind zusätzlich mit Schnellbooten ausgerüstet. Für viele Fischer, die ihre Lebensgrundlage mit dem Rückgang der Dorschbestände verloren haben, bedeutet der Robbenfang auf einem „longliner“ zumindest zeitweilig Arbeit.

 

 

 

 

 

 

 

Robbenhäute werden gesalzen

Um sich dieses Zubrot zu erhalten, haben die Robbenfänger Neufundlands viele Jahre der Verachtung ertragen. Der Ärger begann Anfang der 70er Jahre, als Bilder von mißhandelten Robbenbabies auf die internationale Bühne platzten. Mitte der 80er Jahre war die Empörung am höchsten, waren die Märkte trockengelegt und die Robbenfänger so gut wie raus aus dem Geschäft. Die Bezeichnung Robbenfänger hat in einer zunehmend verstädterten Welt eine abwertende Bedeutung erhalten. Die Robbenfänger verteidigten sich, verloren den Kampf aber.

Trotz der schlechten Presse und dem internationalen Aufschrei machte die Robben-industrie weiter. Nach dem kanadischen Verbot des kommerziellen Fanges von Whitecoat und Blueback (Jungtiere der Sattelrobben und Klappmützen) sind diese vom Fang ausgenommen. Es wurde auch verboten, Boote länger als 65 Fuß zu benutzen.

Die Robbenfänger machten sich daran, den Fang von älteren Robben, den „Beaters“, „Bedlamers“ oder erwachsenen Tieren, im kleinen Maßstab aufrechtzuerhalten.

Dieser Fang unterscheidet sich von der Jagd auf die „Babyrobben“, den „whitecoats“. Die „Beaters“ sind eine wendige, frei-schwimmende Beute, und die heutigen Fänger benutzen in der Hauptsache das Gewehr. Während der späten 80er und frühen 90er Jahre führten die Robbenfänger diese neue Form des Fanges erfolgreich ein und versuchten, für ihre Felle international Abnehmer zu finden.

Die erste größere Fangsaison wurde 1996 wieder aufgenommen, als 242.000 Sattel-robben und 26.000 Klappmützen erlegt wurden. Die besseren Felle wurden an den internationalen Pelzhandel verkauft, die anderen zu Leder für Handschuhe, Brieftaschen und Geldbörsen verarbeitet. Robbenfleisch wird von den Fängern gegessen (Flossenpastete ist eine Delikatesse) und als Konserve eingemacht. Die Penisse von erwachsenen Tieren werden auf den asiatischen Märkten als Aphrodisiakum verkauft.

Es ist nicht überraschend, daß die Jagd jetzt wieder Kontroversen hervorruft, wenn Tierrechtsorganisationen die Fänger be-schuldigen, die Quoten zu überschreiten und verbotener Weise Robbenbabies zu töten. Aber bis jetzt steht die kanadische Regierung hinter dem Fang und geht, wenn es notwendig ist, gegen Robbenfänger vor, die angeblich gegen die Vorschriften verstoßen haben. Es wurden 1996 über 100 Anklagen gegen eine kleine Minderheit von Robbenfängern erhoben, denen vorgeworfen wird, die Felle von Whitecoats oder Bluebacks verkauft, getauscht oder damit gehandelt zu haben.

Die jetzige Fangmenge beruht auf Untersuchungen aus dem Jahre 1994, die eine Population von 4,5 Millionen Tieren ergaben. Der Sattelrobbenbestand im Nordwest-Atlantik ist wohl der höchsten seit Jahren.

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