Quelle: "Die Jäger des Meeres: Walfänger und Robbenjäger im Nord-Atlantik," herausgegeben von der High North Alliance, 1997.

 

Gefahr für Mensch und Eisbär


Kanadische Wissenschaftler, die den Gehalt des Umweltgiftes PCB in der Muttermilch von Frauen aus den Industriegebieten im südlichen Quebec untersuchen wollten, benötigten Vergleichsproben aus einem unbelastetem Gebiet. Die wurden von Inuit-Frauen aus der Kanadischen Arktis geholt. Als sie die Ergebnisse aus dem Labor bekamen, waren die Forscher schockiert. Die arktischen Mütter hatten fünf mal soviel PCB in der Muttermilch wie die Frauen im Süden Kanadas.(46)

Diese Untersuchung wurde Mitte der 80er Jahre durchgeführt und war das erste Alarmsignal dafür, daß in der augenscheinlich reinen, jungfräulichen arktischen Natur - fernab aller industriellen Verschmutzung - Gifte vorhanden sind, die eine Bedrohung für Mensch und Tier darstellen. Seitdem wurde viel Arbeit in die Erfassung von Umweltgiften in der Arktis geleistet. Diese Problematik steht im Mittelpunkt der Zusammenarbeit der acht Arktis-Anrainerstaaten., die sich jüngst im „The Arctic Council“ zusammengetan haben. Das bisher bedeutendste Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist der 800 Seiten dicke Bericht „The AMAP Assessment Report: Arctic Pollution Issues“, der im Frühjahr 1997 vorlag.

Der Bericht beschreibt den systematischen Transport von organischen Umweltgiften, wie z.B. PCB, aus wärmeren in kältere Gebiete durch die Luftströmung. Die Erdatmosphäre funktioniert praktisch wie eine riesige Ölraffinerie, unterschiedliche Stoffe werden an den jeweiligen Breitengraden abgegeben, abhängig von der Kondensationstemperatur. Auch Schwermetalle wie Quecksilber und Cadmium werden von Süd nach Nord transportiert, zum Teil mit den Meeresströmungen. Die Situation wird noch dadurch verschlimmert, daß organische Umweltgifte unter den Bedingungen der Arktis viel langsamer abgebaut werden als im Süden.

Die Umweltgifte werden über die Nahrung aufgenommen und die Konzentration erhöht sich dramatisch mit jeder Stufe auf der Nahrungspyramide. Daher sind die Umweltgifte für denjenigen, der marine Säuger ißt, viel gefährlicher als für die Tiere. Die organischen Umweltgifte werden im Fettgewebe gespeichert. Daher sind die Bevölkerungen, bei denen Robben- oder Walspeck einen wichtigen Teil der Ernähr-ung darstellen, besonders gefährdet. Das betrifft die meisten Inuitgruppen, aber besonders die in kleineren Orten, wo die Fangtradition noch lebt und importierte Nahrung sehr teuer ist. Es betrifft aber auch die Färinger. Bei ihnen ist der Grindwalspeck ein wichtiger Teil der
traditionellen Kost. Dreiviertel aller Frauen im nördlichen Quebec und Labrador und 95 Prozent der Frauen in Grönland haben eine höhere PCB-Konzentration im Blut als den Grenzwert von 5 ppm (Millionstel Teile), der von den Kanadischen Gesundheitsbehörden festgesetzt wurde.(47) Über die Muttermilch gelangen die Umweltgifte in die Säuglinge. Untersuchungen aus den USA belegen, daß PCB der Entwicklung des Zentralnervensystems schaden kann.

In der Tierwelt ist der Eisbär bedroht, da seine Nahrung hauptsächlich aus Robben besteht. Bei den Eisbären auf Spitzbergen sind sehr hohe PCB-Werte festgestellt worden.

Wal- und Robbenfleisch ist mager und enthält daher nur wenig von den organischen Umweltgiften. Aber das Fleisch kann Schwermetalle enthalten, die sich besonders in Leber und Nieren anreichern. Grindwalfleisch enthält relativ hohe Quecksilbermengen. Es ist unklar, wieviel davon natürlichen Ursprungs vom Meeresboden ist und wieviel aus menschlicher Verunreinigung stammt. Es sieht so aus, als ob Grindwale eine hohe Toleranz gegen Quecksilber entwickelt haben, zusätzlich zu einem Entgiftungsmechanismus. Grindwale haben aufgrund ihrer besonderen Nahrung einen höheren Quecksilberspiegel als andere Meeressäugetiere im Nord-Atlantik. Zahnwale haben immer einen höheren Quecksilberspiegel als Bartenwale.

Untersuchungen auf den Färöern zu den Folgen des Verzehrs von Grindwalprodukten deuten eine negative Auswirkung des Quecksilbergehaltes der Mütter bei der Geburt und der Konzentrations-fähigkeit und Feinmotorik der Kinder im Alter von 11 Jahren an. Es handelt sich dabei wohlgemerkt um „subtile Effekte“.(48)

Es gibt bislang keine Untersuchungen über negative Auswirkungen von organischen Chlorverbindungen, die durch den Verzehr von Walspeck aufgenommen werden. Bisher hat man die grönländischen Ernährungsgewohnheiten als sehr gesund betrachtet. So sind Erkrankungen der Herzgefäße oder die Zuckerkrankheit auf Grönland kaum verbreitet.

Die Behörden in den Fangnationen werden vor eine schwierige Aufgabe gestellt, wenn sie die mögliche Gesundheitsgefährdung der Bevölkerung durch die Aufnahme von Umweltgiften über Nahrung aus Meeressäugern gegen die kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen einer Abkehr von der traditionellen Ernährung von lokalen Ressourcen abwägen müssen. Diese Aufgabe wird noch dadurch erschwert, daß Art und Ausmaß des Risikos nicht gut bekannt sind.

 

 

 

 

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Die grönländische Ministerin für Gesund-heit, Umwelt und Forschung, Marianne Jensen, warnt davor, mit den Meldungen über Umweltgifte eine Panik auszulösen und betont, daß grönländisches Essen grundsätzlich gesund ist.(49) Probleme entstehen, wenn die Ernährung zu einseitig ist und Leute „morgens-mittags-abends“ Robbenspeck essen. Die Grönländischen Behörden wollen einen Ernährungsbeirat berufen, der offizielle Ernährungshinweise erarbeiten soll.

Umweltgifte können in jedem Essen nachgewiesen werden. Daher kann man nicht einen Grenzwert mit „Null“ ansetzen. Die Frage ist, wieviel Konsum zulässig ist, ehe das Risiko zu hoch wird. Die Behörden auf den Färöern haben bereits Ratschläge veröffentlicht, wie oft Grindwalfleisch und -speck gefahrlos gegessen werden kann. Vor dem Verzehr der Nieren von Grindwalen, die traditionell als Delikatesse gelten, wurde gewarnt.

Aber beim Essen geht es nicht nur um Gesundheit. Der stellvertretende Gesundheitsminister in den Kanadischen North West Territories, Dave Ramsden, sagte: „Wenn wir eine wilde Flucht vor dem Verzehr von Belugas oder Karibus auslösen, hätten wir die Kultur der Menschen verloren.“(50)

Die Fischwirtschaft im nördlichen Teil des Nordatlantiks hat Angst davor, daß Berichte über den Transport von Umweltgiften nach Norden zu einer unbegründeten Befürchtung auf den Märkten und Umsatzrückgängen führen könnten. „Die arktische Umwelt ist relativ sauber“ sagt Jens Hansen vom Zentrum für arktische Umweltmedizin im dänischen Århus.(51) Es ist kein Gesundheitsrisiko damit verbunden, Fisch oder Fleisch von den meisten Wal- oder Robbenarten in diesen Gebieten zu essen. Untersuchungen an den fischfressenden Seehunden von der Küste Hollands, Deutschlands und weiter nördlich entlang der norwegischen Küste zeigen sinkende Belastung mit Umweltgiften, je höher nach Norden und je weiter weg von den großen Ballungsräumen und industriellen Verschmutzungsquellen man kommt.

Es ist behauptet worden, die Umweltgifte stellten eine solche Bedrohung der Meeressäuger im Nord-Atlantik dar, daß jeglicher Fang sofort beendet werden müsse.(52) Die Belastung mit Umweltgiften in den meisten Meeressäugerbeständen im nördlichen Nord-Atlantik sind relativ niedrig und es wurde keine Einschränkung der Fruchtbarkeit festgestellt.

Es gibt auch Erfolgsmeldungen über extrem hohe Fruchtbarkeitsraten bei Robben und Walen in den Gebieten, die zu den am stärksten verschmutzten gehören, wie beim Seehund im Wattenmeer, dem Kalifornischen Seelöwen, den Grauwalen an der Westküste Mexikos und der USA sowie bei den Kegelrobben bei Schottland und Irland. Und ganz allgemein gibt es Berichte aus der ganzen Welt über eine „Walwelle“.

Aber trotz alledem, jeder stimmt zu, daß es Gründe für Besorgnis gibt. In extrem verunreinigten Gewässern sind bei Meeressäugetieren Erkrankungen und Störungen der Fortpflanzungsfähigkeit auf Grund von Umweltgiften festgestellt worden. Obwohl Kampagnen zur Reinhaltung der Nord- und Ostsee einigen Erfolg hatten, werden ständig neue Chemikalien eingeführt, deren Auswirkung auf die Umwelt schwer vorhersehbar sind. Die Herstellung und Anwendung von einigen chlorierten Kohlenwasserstoffen, darunter PCB und DDT, sind zwar in vielen Ländern verboten, aber Wissenschaftler dämpfen den Optimismus. Große Mengen des bereits produzierten PCB werden in den nächsten Jahrzehnten nach Norden ziehen.

Es ist trotzdem ermunternd festzustellen, daß die schockierende Entdeckung von Umweltgiften in der „reinen“ Arktis politische Konsequenzen hatte. „Die Verschmutzung der Arktis führt nun zu internationalen Verhandlungen, um die Kontrolle von POPs (persistent organic pollutants [nicht abbaubare organische Giftstoffe]) und Schwermetallen zu verschärfen“, sagt David Stone, der Sprecher der Wissenschaftler, die den Bericht „The AMAP Assessment Report: Arctic Pollution Issues“ verfaßt haben.(53)

Anmerkungen:

46. Fred Pearce, Northern Exposure, in: New Scientist (May 31, 1997)
47. Siehe Fußnote 46
48. Die Information stammt aus der Zusammenfassung des unveröffentlichten Vortrages Cognitive deficite in 7-year-old children with prenatal exposure to methylmercury, presented at the International Conference on Human Health Effects of Mercury Exposure, in Thorshavn, June 1996, und aus einer persönlichen Mitteilung von einem der Autoren, Pal Weihe, Department of Public Occupational and Public Health, Faroese Hospital System
49. Interview aus der grönländischen Zeitung Sermitsiak, 30. Mai 1997
50. Siehe Fußnote 46
51. Persönliche Mitteilung
52. Siehe unter anderem den Bericht mit dem Titel Under Fire: Environmental Threats and the Extinction of the World's Cetaceans, herausgegeben 1994 von der „Environmental Investigation Agency“
53. Siehe Fußnote 46


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