Source: Letter about Norwegian whaling written by Greenpeace, signed and sent by Greenpeace Germany supporters to Norwegian citizens, summer 1999.

Letter from Greenpeace to Norwegians


Sehr geehrte Frau, sehr geehrter Herr,

Sie werden es wahrscheinlich ungewöhnlich finden, Post von jemanden zu bekommen, den Sie gar nicht kennen. Trotzdem wäre es schön, wenn Sie sich die Zeit nehmen und diesen Brief lesen würden. Seien Sie bitte auch nicht verärgert, denn ich habe ihn wirklich mit besten Absichten geschrieben.

Ich möchte Ihnen etwas zum Thema Walfang schreiben, genauer über den norwegischen Walfang. Gegner des Walfanges gibt es überall auf der Welt. Meine Sorge ist, daß Sie vielleicht nicht die eigentlichen Gründe unserer Position verstehen. In Norwegen haben die meisten Menschen vermutlich eine ganz andere Einstellung zum Walfang, als hier bei uns in Deutschland. Deshalb kann ich es verstehen, wenn Ihnen manche unserer Gründe, die Wale zu retten, ein wenig seltsam erscheinen. Vielleicht haben sie dabei aber nicht gesehen, daß es gute Argumente für ein Ende des Walfangs gibt: Argumente, die nichts mit dem Tierschutz zu tun haben; Argumente, die man vermutlich nicht oft in Norwegen hört.

Kommerzieller Walfang steht im Widerspruch zu internationalen Abkommen. Ich bin aber der Meinung, daß sich alle Länder an internationale Vereinbarungen halten sollten. Als sich Frankreich und China und später auch Indien und Pakistan über das internationale Atomtestverbot hinwegsetzten, war die weltweite Empörung darüber wohlbegründet. Norwegen aber setzt sich jedes Jahr über die Beschlüsse der Internationalen Walfangkommission hinweg.

Ich finde es sehr befremdlich, wenn die norwegische Regierung die Tatsache zu rechtfertigen versucht, daß hier internationale Verträge nicht eingehalten werden. Die norwegische Regierung erklärt daß Norwegen einige Punkte des Abkommens nur unter Vorbehalt angenommen habe und daher formell nicht an das Abkommen gebunden sei. Aber Norwegen verstößt damit klar gegen den Geist dieser internationalen Konvention.

Dies ist der Grund, warum die Delegierten der Internationalen Walfangkommission Jahr für Jahr gegen die Wiederaufnahme des kommerziellen norwegischen Walfangs stimmen und Norwegen auffordern, diesen zu stoppen. Es ist auch zu befürchten, daß es erneut weltweit zu einer ausufernden unkontrollierbaren Waljagd kommen könnte, die schon einmal fast zum Aussterben zahlreicher Walarten geführt hatte.

Niemand behauptet, daß ein kontrollierter Walfang in Norwegen nicht möglich wäre. Aber der Gedanke an eine unkontrollierte Jagd im Bereich der ehemaligen Sowjetunion oder im Fernen Osten ist äußerst beunruhigend.

Der norwegische Walfang erzeugt hohe Überschüsse. Die Butterberge und Weinseen der EU rufen bei den meisten von uns Empörung hervor. Aber Norwegen produziert obendrein noch einen Walspeckberg. Der alljährliche Walfang läßt den Walspeckberg stetig anwachsen, und der Überschuß wird jahrelang eingefroren. Laut offiziellen Zahlen türmt sich bereits mehr als eine halbe Million Kilogramm Walspeck. Selbst die Walfänger sagen, daß ein Teil davon schon älter als zehn Jahre ist. Warum friert man weiterhin Walspeck ein? Wer soll das denn jemals essen?

lch weiß, einige Norweger glauben, daß nur Norwegen eine Walfangtradition hat. Aber in vielen Küstenländern auf der ganzen Welt gehörte der Walfang zur traditionellen Lebensweise. Auch Großbritannien, USA, Dänemark und Rußland blicken auf eine lange Walfangtradition zurück. Selbst bei uns in Deutschland gab es diese Tradition. Doch obwohl es regional zu sozialen und wirtschaftlichen Problemen führte, haben wir diese Tradition aufgegeben, als uns bewußt wurde, daß die Walarten sonst nicht überleben würden. Können Sie mir einen Grund nennen, warum die norwegischen Traditionen einen Sonderstatus einnehmen sollten?

Mit 'whale-watching' läßt sich auf jeden Fall mehr Geld verdienen als mit Walfang. Der 'whale-watching' Tourismus nimmt zu. Die Einnahmen, die im letzten Jahr weltweit durch 'whale-watching' erzielt wurden, betrugen erstaunliche 4 Milliarden Kronen. Während der letzten fünf Jahre stiegen die Einnahmen jährlich um 16 %. Doch Norwegen profitiert davon nicht, weil das Land weiterhin Wale jagt. Viele potentielle Touristen, dazu gehöre auch ich, sind der Meinung, daß 'whale-watching' und Walfang unvereinbar sind. Auf diese Weise verzichtet Norwegen auf eine wertvolle Einkommensquelle.

Natürlich verstehe ich, daß es zwischen Ihrem und unserem Land gewisse kulturelle Unterschiede gibt. Ich kann mir daher gut vorstellen, daß Ihnen einige meiner Beweggründe unlogisch und sentimental erscheinen. Doch es gibt gewisse Argumente, die sich über kulturelle Grenzen hinwegsetzen. Ich bin mir sicher, die meisten Norweger und die meisten Deutschen sind sich einig, daß es falsch ist, gegen internationale Abkommen zu verstoßen und bedrohte Arten zu jagen. Es wird doch niemand bestreiten, daß es unsinnig ist, Vorräte anzulegen, die niemals verzehrt werden. Und besonders unsinnig scheint dies alles angesichts der Tatsache, daß es eine Möglichkeit gäbe, von der die betroffenen Menschen vor Ort wesentlich stärker profitieren könnten.

Ich danke Ihnen vielmals, daß Sie meinen Brief gelesen haben. Er hat Sie hoffentlich nicht verärgert. Das ist keineswegs meine Absicht gewesen. Vielleicht schicken Sie mir ja eine Antwort. Ich freue mich, von Ihnen zu hören, denn ich bin sicher, daß ich vieles über die Waljagd und die norwegische Einstellung dazu erfahren kann.

Haben Sie nochmals ganz herzlichen Dank, daß Sie sich Zeit für diesen Brief genommen haben.

Mit freundlichen Grüßen

(Hier steht Ihre Unterschrift)

Noch etwas über diesen Brief und wie ich an Ihre Adresse gelangt bin.

Ich bin ein ganz gewöhnliches deutsches Mitglied von Greenpeace. Ich gehöre zu den ca. 530.000 deutschen Fördermitgliedern (leider gibt es in Norwegen weniger als 600 Fördermitglieder). Meine Hoffnung ist, daß überall auf der Welt viele Greenpeace-Förderer Briefe an norwegische Bürger und Bürgerinnen schreiben und ihre Gedanken zum Walfang äußern werden. Gedanken und Argumente, die viel persönlicher und menschlicher sind, als es durch Werbespots oder Fernsehdiskussionen vermittelt werden könnte. Ihr Name und Ihre Anschrift ist wahllos dem norwegischen Telefonbuch entnommen worden.

Ich selbst habe nur unzureichende Kenntnisse der norwegischen beziehungsweise englischen Sprache. Bitte verzeihen Sie es mir also, daß ich beim Verfassen dieses Briefes auf einen Text zurückgegriffen habe, den mir das norwegische Greenpeace-Büro überlassen hat. Die deutsche Übersetzung des Inhalts liegt mir vor und ich stimme voll und ganz damit überein.

Haben Sie vielen Dank.

Der Originalbrief (auf englisch)

 


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